AWO OWL

Resilienz-Coaching für Beschäftigte in AWO OWL Seniorenzentren

„Resilienz bedeutet so viel wie Widerstandskraft“, erklärt Resilienz-Coachin Angela Pues, die in den vergangenen Monaten viele Gespräche mit Mitarbeitenden mehrerer Seniorenzentren der AWO OWL führte.

Die Abteilung Alter und Pflege, in der die Seniorenzentren angesiedelt sind, folgte einem inneren Impuls und startete in diesem Frühjahr einen Prozess zur Aufarbeitung der Herausforderungen der Corona-Zeit für ihre Mitarbeitenden. Unter dem Titel „Wie wir Corona hinter uns lassen“ wurde allen Häusern ein begleiteter Coaching-Prozess angeboten. Dies wurde von mehreren Häusern dankend angenommen. Im Rahmen eines gemeinsamen Gesprächs gaben am Prozess beteiligte Personen einen Einblick in Hintergründe, Zielsetzungen und Ergebnisse.

„In der Corona-Zeit ist viel passiert“, sagt Sven Wittkamp, Leiter des AWO-Seniorenzentrums Frieda-Nadig-Haus in Bielefeld-Sennestadt. „Wir haben uns gefragt, wie wir die besondere Belastungssituation der Mitarbeitenden auffangen können, wie wir darüber sprechen können.“ Die Menschen, die in Einrichtungen der Altenpflege arbeiten, hätten mit vielen außergewöhnlichen Herausforderungen umzugehen gehabt: Die Einhaltung immer schärferer Hygienevorschriften, die strenge Maskenpflicht, die Flexibilität, die der Belegschaft durch eintretende Quarantäne-Fälle abverlangt wurde, die erhöhte Zahl an Sterbefällen bei Bewohner*innen, die Gespräche mit Angehörigen oder auch die ständig begleitende Angst, eine Infektion mit nach Hause zu bringen oder in die Einrichtung zu tragen.

Die Corona-Zeit habe wie ein Brennglas auf die Zustände in der Pflege gewirkt und sie verstärkt ins gesellschaftliche Blickfeld gerückt, so Andrea Vieweger, Leiterin der Abteilung Alter und Pflege beim Bezirksverband der AWO. Von jetzt auf gleich hätten deutschlandweit Einrichtungen der Altenpflege Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes übernehmen müssen, seien quasi über Nacht zu Impfzentren und Testzentren geworden. „Mit unseren Seniorenzentren fördern wir eigentlich ein Leben in Gemeinschaft für soziale Integration und dann mussten wir von heute auf morgen für Isolation sorgen. Da haben sich menschliche Tragödien abgespielt“, erinnert sich Vieweger noch gut an Angehörige, die ihre Lieben zeitweise nur durch das Zimmerfenster oder praktisch gar nicht zu Gesicht bekamen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner sei das eine unglaublich harte Zeit gewesen, aber auch was die Mitarbeitenden der Einrichtung in den härtesten Lockdown-Zeiten geleistet hätten, sei kaum zu fassen. „Da haben wir uns im Nachgang gefragt, wie die Einrichtungen das eigentlich geschafft haben und was das alles eigentlich mit unseren Mitarbeitenden gemacht hat“, so Vieweger zur Motivation für das Einleiten eines Aufarbeitungsprozesses.

„Die Idee hinter dem Prozess ist es, hinzuschauen, wahrzunehmen und somit Nachsorge zu betreiben“, sagt Coachin Angela Pues. Das freiwillige Angebot sei von vielen Mitarbeitenden wahrgenommen worden, sie habe manchmal in Gruppen mit sechs bis acht und manchmal mit 12 bis 14 Menschen an der Aufarbeitung gearbeitet. Im Zentrum hätten dabei vier Fragen gestanden. Die Frage nach den Ressourcen: Wie haben wir es geschafft, die Corona-Krise hier im Haus gut zu bewältigen? Fragen nach der persönlichen Wahrnehmung: Was hat uns herausgefordert oder sogar an unsere Grenzen gebracht? Was hat uns in dieser Zeit Halt gegeben? Und die Frage nach der internen Rückkopplung: Wenn wir der Abteilungsleitung einen Wunsch oder eine Nachricht mit auf den Weg geben dürften, was wäre das?

Eindrücklich schildert Arthur Matis, der seit 22 Jahren als Pflegefachkraft arbeitet seine Erfahrungen aus der Corona-Zeit und dem Coaching-Prozess. Es habe ihm sehr geholfen, dass er eine eher positive Grundhaltung gegenüber Situationen und Herausforderungen habe, dennoch sei im Falle der Pandemie alles von jetzt auf gleich über ihn und seine Kolleginnen und Kollegen hereingebrochen. „Zunächst hatten wir einen falsch positiven Fall als eine Art Übung. Dann gab es auf einmal auf unserem Wohnbereich den ersten Bewohner mit Fieber, dann den zweiten“, erinnert sich Matis an die Zeit vor einigen Monaten. Im Haus hatte es zu der Zeit mehrere Infektionen bei Bewohner*innen gegeben. Ein Übergreifen auf andere Wohnbereiche konnte durch schnelles Handeln verhindert werden, aber der betroffene Wohnbereich musste unter Quarantäne gestellt werden.

Neben der Pflege habe die Kommunikation mit Angehörigen und Ärzten zu seinen Aufgaben gehört und der Kommunikationsbedarf sei bei Angehörigen natürlich entsprechend hoch gewesen, sagt Matis. Viele hätten auch ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie ihre Angehörigen in der belastenden Zeit nicht besuchen konnten. Er erinnere sich an viele tragische Szenen. Zudem habe alles drei Mal so lange gedauert wie üblich wegen des ständigen Wechselns der Schutzkleidung – eine zusätzliche Herausforderung bei dem Ziel, alle Bewohner*innen bestmöglich zu versorgen. „Mir hat es in dieser Zeit Kraft gegeben, dass die Leitungskräfte mit ihrer ruhigen und umsichtigen Art eine beruhigende Basis dargestellt haben. Das hat eine gewisse Geborgenheit trotz all der Herausforderungen gegeben. Vor allem wenn Menschen direkt aus dem Dienst in Quarantäne geschickt werden mussten. Wer irgendwie konnte, ist eingesprungen, ohne zu wissen, ob er oder sie die nächste Person ist, die in Quarantäne muss“, führt Matis weiter aus. Als er von der Möglichkeit des Coachings gehört habe, habe er das sehr gut gefunden. Man hätte auch einfach darüber hinweggehen können als die Rahmenbedingungen anfingen sich zu normalisieren. Zwar sei die Corona-Zeit noch nicht vorbei, aber der Impffortschritt habe Entlastungen mit sich gebracht und man hätte auch einfach zum Alltag übergehen können. Da sei es gut gewesen, dass auch die Leitungsebene gesehen habe, was da los sei und sich der Aufgabe der Aufarbeitung angenommen habe. „Die Corona-Zeit war eine riesige Umstellung für uns“, schildert Arthur Matis. „Normalerweise findet das Leben in der Wohnküche statt, dann waren plötzlich kaum noch Leute unterwegs, die Flure menschenleer. Die Ruhe war so unwirklich.“ Was geblieben sei, sei die Erinnerung an die Verstorbenen. „Man vermisst diese Menschen ja auch und muss in verschiedenen Situationen an sie denken. Man fragt sich dann beim Gang über den Flur, was hatte er oder sie jetzt für einen Scherz gemacht, wenn man sich auf dem Flur begegnet wäre.“

Als wesentliche Ergebnisse des Aufarbeitungsprozess wurden festgehalten, dass gute Teamstrukturen und eine sachlich strukturierte, aber ebenso empathische Begleitung und Führung durch die Leitungskräfte ein wesentlicher Faktor dafür gewesen sei, dass die Zeit bewältigt werden konnte. „Das Versterben mehrerer Menschen in relativ kurzer Zeit hat etwas mit den Mitarbeitenden gemacht. Ich war sehr angerührt als ich gehört habe, wie Menschen sich persönlich zurückgenommen haben und auch mit Ausgrenzung im Bekanntenkreis umgehen mussten, weil ihre Gesellschaft von anderen aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit gemieden wurde“, blickt Angela Pues auf die sehr persönlichen Gespräche zurück. Halt hätten die Mitarbeitenden neben dem Team und den Leitungskräften auch durch eigene Leitsätze erfahren, nach dem Motto, schlimmer könne es nicht mehr werden, sondern nur irgendwann besser. Von der Abteilungsleitung wünschten sie sich in den Gesprächen hauptsächlich Wahrnehmung und das Schenken von Aufmerksamkeit. „Konkretere Wünsche waren selten, aber es gab auch das ein oder andere Leitungsteam, welches sich noch eine eigene gezielte Supervision wünschte, was wir natürlich gerne umsetzen möchten“, so Abteilungsleiterin Vieweger.

Ob das Konzept der Aufarbeitung einzigartig sei, könne keiner der Anwesenden beurteilen. Von der Idee, eine Nacharbeitung zu machen, habe sie schon mal gehört, sagte Coachin Pues, aber das dies konkret in die Tat umgesetzt wurde, habe sie das erste Mal bewusst erlebt. Dabei sei eine Aufarbeitung sehr wichtig für die psychische Gesundheit und den Umgang mit kommenden Herausforderungen. „Diese Herangehensweise sollte in vielen gesellschaftlichen Bereichen angegangen werden, zu fragen und zu untersuchen, was eigentlich gelaufen ist und wie es gelungen ist, diese Zeit zu bewältigen“, meint Andrea Vieweger.

Im Seniorenzentrum Frieda-Nadig-Haus leben 113 Bewohnerinnen und Bewohner in drei Wohnbereichen. In einem Wohnbereich hatte es vor einigen Monaten Corona-Infektionen gegeben. In der Zeit des Infektionsgeschehens musste der Wohnbereich isoliert werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. In dieser Zeit verstarben vier Menschen mit einer Corona-Infektion, sieben Menschen mit einem stark reduzierten Allgemeinzustand verstarben an den Folgen der Erkrankung. Deutschlandweit hatte das Corona-Virus im Winter trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen Eingang in Einrichtungen der Altenpflege gefunden bevor die Mehrheit der Bewohner*innen und Beschäftigten geimpft werden konnten.

Foto: v.l. Arthur Matis (Pflegefachkraft Frieda-Nadig-Haus), Sven Wittkamp und Michél Rahe (Leiter und Pflegedienstleiter Frieda-Nadig-Haus), Angela Pues (Resilienz-Coachin) und Andrea Vieweger (Abteilungsleiterin Alter und Pflege).