AWO OWL

Lob-Hüdepohl: „Irgendwie dabei reicht nicht“

Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied des Deutschen Ethikrates, war Gast des AWO-Fachtages und referierte zum Thema "Integrationsarbeit ist Menschenrechtsarbeit".

Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus sozialen Einrichtungen und Vertreter von Kommunen kamen jetzt zum Fachtag „An(ge)kommen“ der AWO nach Bielefeld in den Ravensberger Park. In Vorträgen, Workshops, Ausstellungen und Filmen ging es um „100 Jahre AWO – 100 Jahre Migration“.

Rund 70 Mio. Menschen, so die Vorstandsvorsitzende der AWO Bielefeld, Kirsten Hopster, in ihrer Begrüßung, sind weltweit aus unterschiedlichen Gründen auf der Flucht. Täglich kommen 30.000 hinzu. Hopster: „In einer Woche wäre Bielefeld leer.“ Gemeinsam mit AWO-Bezirksvorstand Thorsten Klute unterstrich sie die Bedeutung der Migrationsarbeit und dankte allen Anwesenden für ihr Engagement.

Vielfalt der Migrationsarbeit vorgestellt

Ein breites Spektrum der von der AWO in OWL geleisteten Migrationsarbeit präsentierte sich an diesem Tag in Bielefeld. Über Salafismus und Anti-Ziganismus wurde informiert. Möglichkeiten der Abwehr von Diskriminierung im Alltag zeigte das Projekt „Forumtheater für Kinder und Jugendliche". Interkulturelle Sensibilisierungsübungen standen in einem anderen Workshop auf dem Programm. Senthuran Varatharajah las aus seinem Buch „Vor der Zunahme der Zeichen“ vor. Viele Migrationsfachdienste und das Jugendwerk stellten sich und ihre Arbeit vor. Auch wer arabisch schreiben lernen, einfache Sprache oder Kenianisch kennenlernen wollte, war richtig.

Gefühlswelt erlebbar gemacht

Apropos Sprache, die Vorstellung des Tagesprogramms geschah in Griechisch, die Beschilderung der Toiletten und anderer Räume erfolgte in vielen Sprachen dieser Welt. Die Gefühlswelt von Migranten wurde so erlebbar gemacht. Den ebenfalls vor Ort möglichen „Einbürgerungstest“ haben nicht alle Gäste bestanden.

Integration ist ein Menschenrecht

Die Höhepunkte des Fachtages waren aber ohne Zweifel die Vorträge. Den Anfang machte Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl aus Wuppertal. Lebhaft und pointiert sprach das Mitglied des Deutschen Ethikrates über Integrationsarbeit als Menschenrechtsarbeit. Er forderte dazu auf, Integration um der Menschen selbst willen, sozialraumorientiert und ausgestattet mit Ressourcen voranzubringen. Einbeziehung statt Anpassung, Anerkennung durch Teilnahme und Teilhabe, getragen von Toleranz, Respekt, Neugier und Wertschätzung, sind dafür erforderlich. Lob-Hüdepohl: „Irgendwie dabei reicht nicht.“

Das Individuum schützen, seine Stärken fördern

Aus der Sicht der Psychoanalyse betrachtete Verena Plutzar vom Institut für Germanistik in Wien anschließend Migration. Ihre Kernaussage: Migration, freiwillig oder zwangsweise, ist ein Prozess, der das Individuum verändert. Der mit Qualifikationen, Erfahrungen und Wünsche gefüllte „Koffer“ der Migranten wird dabei größtenteils entwertet. Angst, Schmerz und Schuld bleiben. Die Migrationskrise führt zu Sprachverlust, Weltverlust und Selbstverlust. Aufgabe der Integrationsarbeit ist es, die Stärken der Menschen im Blick zu behalten. Die Förderung von „Familiensystemen“ und die Schaffung „sicherer Räume“ zum Beispiel durch die AWO sind für Plutzar notwendig, um diese Krise durchleben zu können. Sieben Jahre dauert sie im Durchschnitt. Das Positive am Rande: Kinder finden sich schneller in einem fremden Land zurecht.

AWO ist Ansprechpartnerin vor Ort

Diese Einschätzungen konnten Imke Meyer vom Quartier Zedernstraße in Bielefeld-Ummeln und Natasha Stancic von der AWO-Integrationsagentur Löhne im Gespräch mit Moderatorin Brigitte Büscher nur bestätigen. Nicht Behörde zu sein, eine einfache Sprache zu sprechen, da zu sein, sind die Vorteile der AWO-Migrationsarbeit, um Zugänge zu Geflüchteten und anderen Migranten zu bekommen und für Angebote zu nutzen.

Weitere Informationen: www.awo-bielefeld.de ; www.awo-fachdienste-migration.de