AWO OWL

Corona: Junge Menschen mehr beachten

Corona macht etwas mit uns. Gesundheitlich scheinen ältere Menschen schwerer betroffen. Junge Menschen sind aber auch massiv persönlich eingeschränkt. Die AWO-Beratungsstellle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Bielefeld hilft. Berater Jan Müller (Foto links unten) schreibt dazu:

„Die Psychotherapeutenkammer betont zurecht die Gefahren für das psychische Wohl, die der Corona-Krise innewohnen. Machtlosigkeit gegenüber externen Einflüssen fühlt sich für alle Menschen schrecklich an und kann krank machen. Ebenfalls richtig finden wir es, dass die jungen Menschen besonders betont werden – allerdings nicht, weil wir sie als besonders gefährdet sehen, sondern weil sie im Rahmen der gesamten Krise wenig berücksichtigt wurden, und es allerhöchste Zeit wird, dass die psychischen Bedürfnisse der Kinder und Jugendliche besser bedacht werden.

Sie sind nicht gefährdet, weil sie jung sind, sondern weil wir die jungen Menschen in dieser Krise mal aus ihren Bezügen rausgerissen und dann wieder hineingezwängt haben, ohne zu hören, was sie brauchen. Spielplätze zu, kein Besuch bei Freunden – auch jetzt noch müssen die Kinder vor allem in der Spur laufen. Insofern erleben die jungen Menschen zweierlei Machtlosigkeit: Einmal gegenüber dem Virus und weiterhin gegenüber den politischen Entscheidungen, denen sie ausgesetzt sind.

Bei diesen Entscheidungen darf es in unseren Augen nicht nur darum gehen, jene aufzufangen, die durch psychische Belastung oder Erkrankung auf die Krise reagieren! Die Menschenrechte aller Kinder und Jugendlichen auf Gehör, Teilhabe, und angemessene Lebensstandards dürfen dem Recht auf Bildung nicht fraglos unterstellt werden, damit die Eltern möglichst schnell wieder arbeiten können. Die Eltern wiederum hatten dann zuhause zusätzlich zu den üblichen Aufgaben plötzlich damit zu tun, ihre Kinder zu beschulen, zu unterstützen und für Unterhaltung zu sorgen. Diese Mehrbelastung für die Eltern führt wiederum zu einer schlechteren Versorgung junger Menschen und in manchen Fällen zu Konflikten innerhalb der Familie: wen wundert’s?

Gleichzeitig sind wir beeindruckt von der Stärke vieler Kinder, sich im „neuen Normal“ zurechtzufinden und die massiv veränderten Umstände erstaunlich gut aufzunehmen! Kinder sind eben nicht besonders gefährdet, sondern auch besonders flexibel, resilient und anpassungsfähig! Da gönnen wir auch allen die Zeit, in der Schule – für viele junge Menschen ein mit Leistung, Scheitern und Druck verbundener Ort – einfach mal kein Thema war.

Auch viele Eltern haben uns beeindruckt, denn viele haben der veränderten Zeit auch etwas abgewinnen können. Mehr Zeit mit der Familie zu haben, ist hoffentlich etwas, dessen Wert wir auch nach der Krise noch erkennen werden. Auch interessant an der Krise: Plötzlich gab es kleine Gruppen in der Notbetreuung oder auch im Unterricht, und Lehrer*innen wie Schüler*innen waren positiv überrascht, wie gut es plötzlich ging. Auch bei dieser Erfahrung hoffen wir, dass sie in den nächsten Jahren Folgen haben wird!

Die Beratungsstellen waren und sind Ansprechpartnerinnen für alle Menschen bis 27 Jahre (sowie für jene, die sich Sorgen um sie machen). Wir sind face-2-face, am Telefon oder online verfügbar und unterstützen Kinder und Jugendliche dabei, ihre Wünsche und Bedürfnisse hörbar zu machen. Ebenso helfen wir dabei, mit Krisen umzugehen und Dinge zu finden, die der psychischen Gesundheit gut tun.

Die Perspektiven von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sichtbar zu machen, ist unsere Aufgabe – sowohl innerhalb von Familien, wenn sie allein kein Gehör finden, wie auch im Großen und Ganzen wie heute. Wir rufen alle Verantwortlichen auf, die Kinder und Jugendlichen mehr einzubinden in die Entscheidungen, die sie betreffen. Maskenpflicht, Gruppengröße, Lüftungsregeln, Verhaltenscodes … all dies geht die betroffenen jungen Menschen maximal an!“

 

Weitere Informationen unter Tel. 0521 9216-421 bzw. unter www.awo-jugendundfamilie-owl.de/beratung/