AWO OWL

AWO Bundesverband informiert sich über Quartiersarbeit

Geimeinsam für Quartiersarbeit: Richildis Wälter (Geschäftsbereichsleiterin AWO Kreisverband Bielefeld), Michael Groß (Vorsitzender Präsidium AWO Bundesverband), Karin Heuer (Referentin AWO Bezirksverband), Sven Wittkamp (Leiter Frieda-Nadig-Haus), Patrizia Wonderschütz (Quartiersmanagerin Sennestadt), Thorsten Klute (Vorstandsvorsitzender AWO OWL), Hartmut Sielemann (Mitglied Präsidium AWO OWL und AWO Kreisverband Bielefeld, Vorsitzender Ortsverein Innenstadt), Wolf-Eberhard Becker (stellv. Vorsitzender Präsidium AWO OWL und Kreisverband Bielefeld)

Quartiersarbeit ist einer der Schwerpunkte, mit denen sich Michael Groß beschäftigt, der seit diesem Jahr Mitglied des Präsidiums der AWO auf Bundesebene ist. Am vergangenen Dienstag besuchte er die AWO-Quartiersentwicklungsprojekte in Sennestadt und in Schildesche. Groß, der seit zwölf Jahren Mitglied des Bundestags ist, arbeitete zuvor fünf Jahre lang bei der AWO im Unterbezirk Münsterland-Recklinghausen, wo er Geschäftsbereichsleiter für die Kinder-, Jugend- und Familienhilfe war. Das Thema Quartiersentwicklung ist ihm daher gut bekannt.

Quartiersarbeit im Sennestädter Norden
Quartiersentwicklung? Das bedeute Nah- und Sozialräume weiterzuentwickeln, Räume zu öffnen und Partizipation für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Quartiers zu schaffen, sagt Karin Heuer, die das Quartiersentwicklungsprojekt des AWO Bezirksverbandes im Sennestädter Norden maßgeblich mit aufgebaut hat. Somit sollen Eigenpotenziale und auch Selbstwirksamkeit der Menschen eines Quartiers gefördert werden.
Für Quartiersentwicklerin Patrizia Wonderschütz, die seit 2019 vor Ort tätig ist, sorgte die Corona-Pandemie zwischenzeitlich zwar für eine Vollbremsung, in den letzten Jahren hat sich dennoch schon Einiges getan: Nachbarschaftsveranstaltungen wurden durchgeführt – vom gemeinsamen Kaffeetrinken über Theateraufführungen bis hin zu verschiedenen Austausch- und Vortragsformaten. Aus einem vorangegangenen Projekt wurden Hauswirtschafts- und Betreuungsdienste ins Leben gerufen, die es Menschen mit Pflegebedarf ermöglichen sollen, lange und gut versorgt in ihrem Zuhause leben zu können. „Denn die gute Versorgung der Menschen im Quartier ist ein wichtiges Kernziel von Quartiersentwicklung“, so Karin Heuer.
Vom Seniorenzentrum Frieda-Nadig-Haus aus koordiniert Quartiersmanagerin Wonderschütz Aktionen und Kooperationen. Die Cafeteria und das Außengelände des Hauses dienten schon mehrmals als Treffpunkte für Menschen aus dem Quartier, wodurch viele Menschen unterschiedlichen Alters Zugang zum Haus gefunden haben, auch ohne dass sie Verwandte oder Freund*innen dort besuchten. Eine Quartiersbewohnerin erzählt aber auch, dass sie den Kontakt zum Quartiersnetzwerk dadurch gefunden hat, dass sie eine Freundin im Seniorenzentrum besuchte. Nach anfänglichen Vorbehalten sei mittlerweile eine Clique entstanden, mit der sie gerne zum Kaffeetrinken gehe und angebotenen Vorträgen lausche, sagt die Anwohnerin. Sie schätze die Geselligkeit sehr. Da sie allein lebe, sei sie manchmal einsam und nehme auch daher sehr gerne die Angebote wahr.

Der Einsamkeit vorbeugen und Bedarfe bedienen
Das Stichwort Einsamkeit ist ein sehr zentrales aus Sicht der AWO. Thorsten Klute, Vorstandsvorsitzender des Bezirksverbandes OWL, sieht eine große Herausforderung darin, der wachsenden Einsamkeit gerade älterer und alleinlebender Menschen zu begegnen und diese im Rahmen von Quartiersarbeit in Netzwerke und ihre Nachbarschaft zu integrieren.
In Sennestadt wurde die Corona-Zeit genutzt, um die Bedarfe der Menschen in der Nachbarschaft zu ermitteln, und die sind vielfältig. Herauskristallisiert haben sich vor allem der Wunsch nach gemeinsamer Bewegung draußen, individueller Unterstützung bei Tätigkeiten wie Rasenmähen, Einkaufen oder mit dem Hund Spazierengehen sowie Hilfe mit dem Handy und anderen digitalen Geräten. Für die Umsetzung in konkrete Aktionen konnten bereits Kooperationspartner gefunden werden: Gemeinsam mit dem Stadtsportbund und den Sportfreunden Sennestadt werden Quartierspaziergänge für ältere Menschen organisiert, die Schulungen für Freiwillige liefen bereits an, sagt Patrizia Wonderschütz. Das Jugendzentrum LUNA ist Kooperationspartner für Hilfsangebote von jüngeren für ältere Menschen und mit der evangelischen Kirchengemeinde wird ein digitales Projekt gestartet, bei dem die Schulungen nun ebenfalls anlaufen.

Quartiersmanagement als Daueraufgabe
Die Quartiersmanagerin hat bei angestoßenen Projekten auch immer die Nachhaltigkeit im Blick und arbeitet daher mit vielen Freiwilligen, die geschult und begleitet werden. Denn das sei ein großes Manko, da sind sich Thorsten Klute und Michael Groß einig, die Finanzierung bilde ein Kernproblem bei der Quartiersarbeit. Quartiersmanagerinnen wie Patrizia Wonderschütz werden im Rahmen von Projekten beschäftigt, die maximal über drei Jahre laufen. Erfolgreiche Quartiersarbeit brauche jedoch immer jemanden im Hintergrund, eine Person, die sich kümmert und zwar in hauptamtlicher Funktion. Eine Möglichkeit zur dauerhaften Finanzierung sei anzustreben, denn Freiwillige und Ehrenamtliche könnten die angestoßene Arbeit zumeist nicht ganz allein fortführen, es bedürfe im Sinne der selbstständigen und nachhaltigen Fortführung immer eines Mindestmaßes an Koordination, so Karin Heuer.

Quartiersarbeit in Schildesche
„Quartiersarbeit ist nicht teuer, aber essentiell. Es bedarf immer einer Person, die sich kümmert und die ermöglicht“, sagt auch Kirsten Hopster, Vorstandsvorsitzende des AWO Kreisverbandes Bielefeld. Wie der Bezirksverband ist auch der Kreisverband in der Quartiersentwicklung aktiv. Im Ortsteil Schildesche ist ein Wohncafé einer der zentralen Begegnungsorte, die Gelegenheit zur Kommunikation geben. Die vielfältigen Angebote werden durch Quartiersmanagerin Sonja Heckmann koordiniert und durch bürgerschaftliches Engagement gestaltet: Lesungen, Theatervorstellungen und Freizeitgruppen, die sich teilweise aus dem Bürgerforum Schildesche gegründet haben. Auch hier sollen die Menschen im Quartier Anknüpfungspunkte haben. Einer von ihnen ist Helmut Breitkopf, der sich seit mehreren Jahren freiwillig engagiert. Für ihn bietet sein Engagement die Möglichkeit, eigenen Interessen nachzugehen und einen Beitrag zu Begegnung und Zusammenhalt zu leisten. Er selbst gründete 2017 einen Literaturkreis, der sich nach wie vor trifft. Über gemeinsame Aktivitäten im Quartier habe er sehr viele interessante Menschen kennengelernt. Aktives Engagement sei reizvoll, da eigene Gedanken eingebracht und auch in die Praxis umgesetzt werden könnten. „Quartiersarbeit ist gemeinsame Gestaltung und eigenverantwortliche Umsetzung der Dinge, die die Menschen machen möchten. Dazu gibt es einen regelmäßigen Austausch und es ist gut, dass die Menschen die hauptamtliche Unterstützung im Hintergrund wissen“, sagt Sonja Heckmann.

Angebote, die bürger*innen- und sozialraumorientiert sind
Aus dem Schildescher Bürgerforum etwa ist die 30er-Zone vor dem Wohncafé und den umliegenden Wohnungen des Bielefelder Modells entstanden, weil festgestellt wurde, dass Menschen - Kinder, Familien und Ältere - hier nicht sicher die Straße queren können. Bildungs- und Beratungsangebote orientieren sich am Ort und an den Bürger*innen – per Quartiersbrief und vor Ort. Es geht um Gesundheitsthemen wie Ernährung, aber auch insgesamt um eine sorgende Gemeinschaft. „Dieser Gedanke ist eng verbunden mit Quartiersarbeit“, sagt Richildis Wälter vom AWO Kreisverband, „weil enger Kontakt und Austausch dazu führen, dass Menschen aufeinander achten.“ Im Jahr 2019 wurde hier auch ein ambulanter Hospizdienst gegründet, mit 30 freiwillig Engagierten in der hospizlichen Quartiersbegleitung. Besonders sind in Schildesche auch die Sofa-Gespräche. Die seien daraus entstanden, dass hier so viel stattfinde, berichtet Oliver Klingelberg von der BGW. Menschen mit Quartiersbezug kommen zusammen und führen unterhaltsame Gespräche auf einem roten Sofa. Die Menschen kämen her zum Sofa, das Sofa aber auch raus zu den Menschen, auf eine Wiese oder in einen Innenhof.

Kooperationspartner sind wichtig
Die Kooperation mit der BGW vor Ort ist sehr eng. Die Wohngesellschaft und der AWO Ortsverein unterstützen die Entwicklung der Quartiersarbeit von Anfang an. Nach dem Auslaufen der ersten Finanzierung durch das Deutsche Hilfswerk, haben diese die BGW, die Stadt Bielefeld und die AWO gemeinsam übernommen. Sie sei sehr dankbar für das Engagement und auch stolz auf die Vorreiterrolle, die die Kooperationspartner gemeinsam einnähmen, sagt Kirsten Hopster, denn wichtig sei das Netzwerk der kleinen Netzwerke.

Am Ende seines Besuchs zeigt sich Michael Groß erfreut von den vielfältigen Ansätzen der Quartiersarbeit und sieht darin auch eine hohe Bedeutung für die Identität und damit auch für die Zukunft von Wohlfahrtspflege.