AWO OWL

30. November 1948:

Frieda Nadig war von 1946 bis 1966 die Geschäftsführerin der AWO Ostwestfalen-Lippe.

Als die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt OWL deutsche Geschichte schrieb.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – fünf scheinbar einfache Worte mit enormer Sprengkraft. Was uns heute in Deutschland so selbstverständlich erscheint, war noch vor sieben Jahrzehnten höchst umstritten. Heute vor 70 Jahren, am 30. November 1948, tagte der Grundsatzausschuss des Parlamentarischen Rats und Frieda Nadig, die damalige Bezirksgeschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe, legte diesen revolutionären Satz als Formulierungsvorschlag für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Tisch. Er ist – nach zähen Verhandlungen – schließlich eingegangen ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als Art. 3 Absatz 2, Satz 1. „Den Stolz über diesen wichtigen Beitrag von Frieda Nadig für die Weiterentwicklung Deutschlands können und wollen wir nicht verhehlen“, gibt Norbert Wellmann, Vorsitzender des Präsidiums der AWO OWL, unumwunden zu.

Deutschland im Herbst 1948: Die Nazis hatten ihr eigenes Land und auch ganz Europa in Schutt und Asche gelegt. Die Bundesrepublik existierte noch nicht, ebenso wenig wie die DDR. In Bonn tagte der Parlamentarische Rat der drei Westzonen, um eine verfassungsrechtliche Basis für Westdeutschland zu erarbeiten. 65 Abgeordnete aus elf westdeutschen Länderparlamenten gehörten diesem Rat an. Nur vier von ihnen waren Frauen: Helene Weber für die CDU und Helene Wessel für das Zentrum (sie trat später in die SPD ein) sowie für die SPD Frieda Nadig aus Ostwestfalen-Lippe und Elisabeth Selbert. Letztere hatte mit Frieda Nadig zusammen den entscheidenden Satz erarbeitet und vorformuliert, da sie selbst nicht an der Sitzung teilnahm.

Als nun die Gleichberechtigung von Frauen und Männern als Vorschlag für das bundesdeutsche Grundgesetz einbrachte, stieß er zunächst auf Ablehnung der männlich geprägten Versammlung. „Dann ist das Bürgerliche Gesetzbuch verfassungswidrig“, sagte Thomas Dehler von den Liberalen. Und er hatte Recht. Schließlich sah das Bürgerliche Gesetzbuch bis dahin zum Beispiel vor, dass der Mann das Vermögen seiner Ehefrau verwaltete und ihren Arbeitsvertrag – wenn sie denn arbeitete – eigenmächtig kündigen konnte. Und Hermann von Mangoldt von der CDU ergänzte, dass der Gesetzgeber diesbezüglich keine Einschränkungsmöglichkeiten mehr habe, wenn so ein Satz erst einmal im Grundgesetz stehe. Und so wurde der streitige Satz in der Sitzung auch mehrheitlich abgelehnt. Erst im Januar 1949 – nach weiteren Verhandlungen und zahlreichen Protesten – einigte man sich schließlich im Parlamentarischen Rat auf die Formulierung Nadigs und Selberts. Und so steht noch heute im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ „Die Leistungen Frieda Nadigs und anderer verdienter AWO-Persönlichkeiten sind für uns auch Verpflichtung für die Zukunft. Der Anspruch, Motor des sozialen und gesellschaftlichen Fortschritts zu sein, steckt uns im Blut“ so Thorsten Klute, hauptamtlicher Vorstand der AWO OWL.